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Dem Himmel so nah - Süddeutsche Zeitung / Feb. 2010

Viel mehr als heiße Luft: Beobachtungen beim internationalen Ballonfahrer-Treffen in Tirol


Mit prüfendem Blick inspiziert Christoph Laloi seinen Heißluftballon. Zieht an Strippen, sucht die dünne Nylonhülle nach Beschädigungen ab, kontrolliert Gasleitungen. Alles okay. Knatternd pustet ein Gebläse kalte Luft in den schlaffen Sack und lässt ihm einen wabbeligen Bauch wachsen. Jetzt klettert der Hobbypilot in den Korb und öffnet ein Ventil: Fauchend stößt eine Stichflamme in die Hülle und heizt die Luft auf. Nach gut fünf Minuten steht der Ballon prall gefüllt am Start. „Der Druck in der Hülle ist so groß, dass man auf ihr stehen könnte“, sagt Laloi, während seine Helfer den Korb am gefrorenen Boden festhalten.

Alljährlich Ende Januar ist die Region Kaiserwinkl in Tirol Schauplatz eines internationalen Ballonfahrer-Treffens. „In diesem Jahr sind 39 Teams nach Österreich gekomme“, sagt Mitorganisatorin und Pilotin Irmgard Moser. Manche mit riesigem winkendem Sandmännchen auf der Hülle, andere in Gestalt gigantischer Schnapsflaschen. Eine Woche lang werden sie Berg und Tal unsicher machen, starten und landen, so oft es die Bedingungen zulassen. „Vom Kaiserwinkl aus können wir in sämtliche Himmelsrichtungen fahren“, sagt Moser. Laloi erhält die Startfreigabe. Die Helfer lassen los, der purpurne Ballon mit der Aufschrift „Feiner Pinkeln“ schießt wie ein Sektkorken in den Himmel. Laloi, Handwerksmeister aus Kiel mit offenbar ausgeprägtem Sinn für Humor, heizt seinem Ballon ein und steigt weiter auf.

Den Zuschauern wird Lalois Botschaft spätestens jetzt klar: Geworben wird für edle Kloschüsseln. Auf rund 700 Meter Höhe trägt eine Windströmung den Ballon in ein Nachbartal, in Richtung des mit dichten Wolken bedeckten Chiemsees. Wolken sind die natürlichen Feinde der Balloniers - sie verdecken die Sicht und machen die Reise gefährlich. Doch noch ist Laloi weit genug entfernt von dem dichten Grau. Wenn der Pilot nicht heizt, dauert es keine Minute und die 3000 Kubikmeter Luft in der riesigen Hülle sind kalt – der Ballon sinkt.

Schnell nähert sich der Korb den Baumwipfeln. „Ich muss ausprobieren, wo die Winde sind“, erklärt Laloi. Kurz vor den Baumkronen gibt er Gas und lässt den Ballon klettern - wie ein Jo-Jo sinkt und steigt er immer wieder. Laloi studiert die horizontalen Bewegungen. Manchmal trennen nur zehn Meter zwei Luftschichten, die in unterschiedliche Richtungen strömen. Laloi lässt seinen Ballon in ein enges Tal fallen. Notlandung am Steilhang? Im Gegenteil: Christoph Laloi vermutet in der Schlucht eine starke Aufwärtsströmung. Verschätzt. Hastig heizt er und entkommt so eben noch den Wipfeln.

Das Problem: Ballone haben kein Lenkrad, keine Bremse, keinen Anker. Beeinflussen kann der Pilot nur, ob es hoch oder runter gehen soll. Mit dem Verändern der Fahrthöhe steuert er verschiedene starke Windströmungen und -richtungen an. Das kann er allerdings nur, solange genügend Propangas in den Tanks ist. Ansonsten sind Balloniers ganz den Launen der Natur ausgeliefert. Das ist es auch, was der 47-Jährige an seinem Hobby schätzt: „Wir leben in einer reglementierten Welt. Nicht zu wissen, wo es hingeht, gefällt mir.“

Normalerweise fährt Laloi zwischen Ost- und Nordsee - über plattes Land. Entsprechend aufregend findet er es, vor majestätisch steilen Wänden in die Luft zu gehen. Dabei ist das Ballonfahren auch im Norden nicht gerade ohne. Wenn die Süddeutschen zum Festival nach Kiel kommen, dann staunen sie meist nicht schlecht, wenn sie ihre Ballone bei drei Windstärken aufbauen sollen. Und wenn sie dann endlich in der Luft sind und bangen, aufs offene Meer gepustet zu werden, dann wünschen sich nicht wenige zurück in die Berge. Zudem wird das Ballonfahren im Norden besonders im Winterhalbjahr noch zusätzlich erschwert: die Böden sind matschig, was die Landung und die Bergung des Hunderte Kilogramm schweren Geräts kompliziert macht.

Generell aber, sagt Laloi, sei das Fahren in den Bergen schon spannender: ,,Der Wind dreht in jeder Höhe auf eine andere Richtung.“ Daher kommt er schon seit neun Jahren in den Kaiserwinkl: „Wenn in der Höhe eine Nordströmung herrscht, rund 100 Kilometer pro Stunde schnell, dann schaffst du’s in drei Stunden über die Alpen.“ Das ist für Ballonfahrer quasi ein Höhenflug. Laloi gelang das erst einmal. So eine Alpenquerung ist alles andere als ungefährlich. Um über die 4000 Meter hohen Berge zu kommen, steigen die Ballone bis auf 6000 Meter – dort oben brauchen die Piloten zusätzlichen Sauerstoff. „Wenn der Brenner ausfällt, musst du runter“, sagt Laloi, „zur Not landet man in einer Gletscherspalte.“ Doch bei seiner Alpenquerung, vor zehn Jahren, ging alles gut. „An diesen Tag erinnere ich mich noch heute genau. Das war toll.“

Inzwischen ist Laloi mit seinem Ballon auf der Suche nach einem geeigneten Landeplatz, möglichst groß und eben soll er sein. Unten im Tal erstreckt sich ein Dorf; Häuser und Scheunen, Wiesen und Bäume, Gartenzäune und eine Stromleitung – Landeanflug auf ein unbekanntes Dorfobjekt. Laloi zieht an einer Leine, die öffnet oben im Ballon den sogenannten Parachute und lässt die heiße Luft entweichen. Unten stehen schon die Dorfbewohner und rudern mit den Armen, rasch kommen sie näher. Laloi schielt auf die rauchenden Schornsteine, um die Windrichtung und damit die Richtung, in die sein Ballon treiben wird, abzulesen.

Der anvisierte Landeplatz, ein kleiner Garten, ist nicht einmal zehn mal zehn Meter groß; umrahmt von einem Schuppen, Apfelbäumen und einer Straßenkreuzung mit Stacheldraht. Langsam gleitet der Ballon auf die Kreuzung zu, nur wenige Zentimeter trennen ihn von einem Lattenzaun. Noch ein letztes Mal gibt Laloi sanft Gas und hievt den Ballon so über den Zaun – wie im Zeitlupentempo setzt der Korb auf dem Asphalt auf. Landung gelungen. Echte Ballonfahrer feiern sich jetzt mit den Worten: „Glück ab“.


Der Beitrag erschien am 1. Februar 2010 in: Süddeutsche Zeitung

© 2008 Daniel Hautmann