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Akrobatik in aller Stille - Süddeutsche Zeitung / Nov. 2009

Die verkehrte Welt der Martina Kirchberg / Ein Besuch bei der besten Segelkunstfliegerin Deutschlands


Für einen Augenblick ist unten oben und oben unten. Nämlich dann, wenn Martina Kirchberg konzentriert auf die rechte Tragfläche blickt und ihr Segelflugzeug am Horizont ausrichtet, im 45-Grad-Winkel gen Stoppelfeld steuert und der Fahrtmesser 180 km/h anzeigt. Dann zieht sie den Steuerknüppel sanft zu sich, die Nase der Maschine macht sich vom Acker, sticht erst in das Blau des Horizonts, taucht anschließend ein in das Weiß der Wolken. Verkehrte Welt. Noch ein halbe Umdrehung und die Welt ist wieder in Ordnung. Der Himmel ist oben.

Für Martina Kirchberg ist ein Looping kaum eine Herausforderung, sie ist schließlich Kunstfliegerin – Segelkunstfliegerin. „Das Schwierige ist, die Figur vor den Augen einer Jury sauber hinzubekommen“, sagt sie. Und das heißt zum Beispiel beim Looping, einen perfekten Kreis mit gleich bleibender Winkelgeschwindigkeit an den Himmel zu zeichnen. Das kann die 51-Jährige besonders gut. Seit mehr als 30 Jahren sitzt sie im Cockpit, gilt als die erfahrenste Deutsche Segelkunstfliegerin und ist in dieser Männerwelt Exotin und Expertin zugleich. Zwei Mal flog sie als einzige Deutsche Pilotin mit den Herren um die Weltmeisterschaft. Seitdem stehen die Männer bei ihr Schlange – um das Kunstfliegen zu lernen.

Kunstflug im Segelflieger? Sind Segelflugzeuge nicht diese eleganten, fragilen Gebilde? Und kann man einen Looping wirklich segeln? „Segelkunstflugzeuge sind extrem stabil konstruiert. Der Flieger hier hat die Belastungsprobe bis 18 g bestanden“, sagt Kirchberg und zeigt auf ihr Sportgerät, eine Swift. Für Kunstpiloten ist die Swift das, was wie die Blaue Mauritius für Briefmarkenfreunde ist: sehr wertvoll. Weltweit gibt es nur etwa 30 Exemplare. „Die Swift ist das Maß der Dinge im Segelkunstflug. 18 g würde kein Mensch überleben.“ G beschreibt die Belastung, die auf den Körper wirkt, normalerweise also auf dem Boden, liegt dieser Wert bei eins, im Kunstflug können es schon mal zehn werden. Martina Kirchberg, die 55-Kilo-Frau, wird dann mit einer halben Tonne in den Schalensitz gepresst, oder herausgezogen, das nennt man dann negative g.

Szenenwechsel: 1000 Meter über dem Aeroclub Bad Nauheim. Eine Schleppmaschine hat sie da hoch gezogen. Martina Kirchberg blickt wieder auf die Tragfläche, nimmt Fahrt auf und setzt zum Immelmann-Turn an. Das Manöver stammt, wie fast alle Kunstflugfiguren, aus dem Ersten Weltkrieg. Damals dienten diese Finten dazu, blitzschnell die Flugrichtung zu ändern, dem Verfolger auszuweichen oder ihn anzugreifen. Derlei Martialisches hat Martina Kirchberg nicht vor, sie fliegt zum Vergnügen. Erst einen halben Looping, dann dreht sie die Maschine im höchsten Punkt aus dem Rückenflug in Normallage. Alles perfekt getimt und wie mit der Schablone in den Himmel gezeichnet.

„Mir ist es egal, wie herum ich fliege oder wie ich vom Himmel purzele“, sagt sie. Eine selbstsichere Haltung wie diese erhöht die Sicherheit im normalen Segelflugverkehr. Immer mehr Hobbypiloten machen deshalb den Kunstflugschein. Horst-Walter Schwager, ehemaliger Kunstflugschüler von Martina Kirchberg, kann seither mit allen Achsen in allen denkbaren Fluglagen umgehen: „Wenn wir in den Bergen fliegen und in eine Leewelle geraten, kann es schon mal passieren, dass es den Flieger auf den Rücken dreht. Da ist es gut, wenn man weiß, dass man gefahrlos eine Rolle fliegen und die Maschine wieder in Normalfluglage und unter Kontrolle bringen kann.“

Martina Kirchberg dagegen braucht kein Sicherheitstraining, sie will einfach nur rumturnen. „Kurze, intensive Flüge“, und dabei die „stillen, langen Momente“ genießen. Etwa beim Turn. Dabei fliegt so lange senkrecht in den Himmel, bis das Flugzeug schwerelos in der Luft verharrt. Noch bevor die Fahrt ganz weg ist, drückt sie das Höhenruder voll durch. Wenn ihr Flugzeug jetzt ganz langsam rückwärts fällt, legt sich die Strömung ans Ruder und lässt den Flieger vornüber kippen. Empfindliche Mägen reagieren spätestens jetzt. Martina Kirchbergs Magen macht keine solchen Probleme. Er ist ebenso trainiert wie der Rest ihres Körpers. Als Kunstflugpilotin muss sie einiges aushalten. „Wir gehen in Grenzflugzustände“, sagt sie. Ob Fliegen gefährlich ist? „Wenn du dir da oben einen Fehler erlaubst, steckst du im Boden“, sagt sie ganz ruhig.

Als eines der schwierigsten Manöver „da oben“ gilt der Rollenkreis. „Der findet nicht unter 200 km/h statt“, sagt Kirchberg. Dabei fliegt sie einen Kreis und dreht ihre Maschine gleichzeitig über die Längsachse. „Da musst du dich richtig am Riemen reißen.“ Für Hirnsalat sorgen vor allem die sich ständig änderte Fluglage und damit die zu steuernden Ruder. Das Höhenruder ist dann kurzzeitig Seitenruder und umgekehrt. Links ist rechts und rechts ist links. Drücken ist auf einmal Ziehen und statt der Tragfläche dient jetzt der ovale Rumpf als Auftrieb bringender Flügel. Und das alles nur Sekunden, bevor die Pilotin wieder umdenken muss. „Das übst du abends im Bett und bewegst dich dabei wie ein Maikäfer.“

Wie kommt es dazu, irgendwann wie ein Maikäfer im Bett zu strampeln? Zur Kunstfliegerin wurde Martina Kirchberg als Segelflugpassagier eines Flugs über dem Alpenvorland. Oder war es unter dem Alpenvorland? Der Chiemsee und die weißen Berggipfel waren gerade oben und der Himmel unten. „Da dachte ich einfach: das ist was für mich. Das fordert mich.“


Der Beitrag erschien am 2. November 2009 in: Süddeutsche Zeitung

© 2008 Daniel Hautmann